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„Noch dauern wird’s in späten Tagen und rühren vieler Menschen Ohr.“ Als Schiller seine „Glocke“ in diese Verse goss, hatte diese schon fast fünftausend Jahre Geschichte geschrieben. Und das Christentum hatte sie mit den Gebetszeiten, der Liturgie ihrer Gottesdienste und dem Alltagsleben der Menschen eng verwoben. Ihr Rhythmus ordnete die Zeiten des Gebetes, der Arbeit und der Muse. Bei Freund, noch mehr aber beim Feind, war die Glocke „Die Stimme“ des Christentums, gleichermaßen geliebt wie gehasst. Die Geschichte und noch mehr die Geschichten der Freiburger Münsterglocken legen hierfür eindrucksvoll Zeugnis ab. Die Hosanna und ihre vermutlich nur wenige Jahre jüngere kleine Schwester, das Silberglöckchen, erzählen uns bei jedem Läuten von dieser nicht enden wollenden Geschichte der Glocke, und dies seit nunmehr fast 750 Jahren.
Bischof Dr. Paul Wilhelm von Keppler, der von 1894 bis zu seiner Ernennung zum Bischof von Rottenburg im Jahre 1899 den Lehrstuhl für Moraltheologie an der Universität Freiburg inne hatte, formte seine Stimmungen beim hören „der
Stimme“ unseres Münsters in Freiburg in eindrucksvolle Lyrik.   
„Die Glocke bezeichnet man auch als das Herz des Turmes, als die Zunge des
Turmes, als seine Sprache, und das Volk liebt und versteht die Sprache, in der die Kirchentürme ihre Gedanken ausdrücken, es lässt sich von ihr rühren, bewegen, erheben, erschrecken, begeistern, trösten und meistern.
Aber der Münsterturm offenbart noch viel wirksamer sein verborgenes Innenleben. Er fängt an zu reden und mit mächtiger Stimme auszusprechen, was sein Gemüt bewegt. Er fängt an zu singen, und sein Gesang ist wie der Donner der Gewitter und wie das Rauschen vieler Ströme; er hallt durch das weite Tal und wogt empor an den Wänden der Berge ... da tönt und klingt er wie die Memnonsäule, vom Sonnenstrahl berührt; und am Freitag um 11 Uhr predigt seine Hosanna mit einer Donnerstimme, die seine Felsenbrust erbeben macht; ... da zieht ein Zittern und Beben durch seinen ganzen Körper, und ein melodisches Singen und Klingen scheint seine Pyramide in Musik aufzulösen“  .

Erste Hinweise auf Glocken
Erste Hinweise auf Glocken im Münster zu Freiburg finden sich für die Zeit des
Konradinischen Kirchenbaues, also für die Zeit um 1120 1130. Bei Ausgrabungen im Südseitenschiff im Jahre 1969 schnitt Wolfgang Erdmann u.a. eine Glockengussgrube an und fand „Asche, Brandschutt mit sehr starken Holzkohlenanteilen ... und viele Metall  und Schlackenrückstände“. Beim Vergleich der angeschnittenen Schichten stellt er fest: „Diese Überlegungen lassen den Schluss zu, die Glocken seien im Rohbau des Konradinischen Münsters gegossen worden..." Die anfängliche Vermutung, dass man die Gussgrube der Hosanna gefunden hätte, wurde auch durch vergleichende Metallanalysen widerlegt.

Der Tannenholz Glockenstuhl
„Das hohe dritte Geschoss oberhalb der St. Michaels Kapelle ist im Innern von
der größten Einfachheit und Schlichtheit, dennoch besitzt es zwei Baustücke, die für jeden Architekten von großem Interesse sind. Das eine ist der Glocken-
stuhl, das andere die Steindecke. Von der rationellen Struktur des ersteren, welcher jetzt 13 Glocken trägt ... und durch Balkenlagen in vier kleinere Etagen geteilt ist, ...“ 
Die Erbauungszeit des Glockenstuhles ist  nicht zweifelsfrei zu datieren. Fasst man die Erkenntnisse aller verfügbaren Untersuchungen  zusammen, so muss er in den Jahren zwischen 1290 und 1300 fertiggestellt worden sein. Adler nennt „um 1273"  als Zeitpunkt der Fertigstellung des Glockenstuhles, ohne dies näher zu begründen. Hierbei könnte es sich allenfalls um den Glockenstuhl
handeln, in dem die Hosanna bis zu ihrer Einbringung in den Glockenturm vor dem Münster geläutet haben soll. Das in der Chronik des Augustiner-Frauenklosters zum „Grünen Wald“  als Aufhängedatum für die Hosanna genannte Jahr 1283 ist beim jetzigen Stand der Untersuchungen
nicht sehr wahrscheinlich. Allerdings wurde schon im Jahre 1281 die Hosanna
durch die Predigtglocke ergänzt und im Jahre 1300 kam die Betzeitglocke hinzu. Drei Glocken in einer für diese Zeit außerordentlichen Größe bedurften für den Läutebetrieb schon eines massiven Glockenstuhles.
Die Hölzer für den Tannenholzglockenstuhl wurden in den Jahren 1263 bis 1296 geschlagen . Aus den Untersuchungsberichten geht aber bisher nicht zweifelsfrei hervor, welche der Konstruktions-hölzer wann geschlagen wurden. Wichtig für eine genauere Datierung wäre, das Fälldatum der mächtigen Eckpfosten des Glockenstuhles zeitlich einzugrenzen.
Auf einer Urkunde aus dem Jahre 1301 anlässlich der Spende von zwei Ewiglichter, sind in einem Nebensatz auch der Turm und die Glocken erwähnt: „... und daz ander undenan in dem nüwen turne, da die gloggen inne hangent, ...“ . Spätestens 1301 hingen demnach die Hosanna, die Predigt und die Betzeitglocke im neuen Tannen-Glockenstuhl .
Der Turm des Freiburger Münsters wurde um 1330  fertiggestellt. Er galt nicht nur als „der schönste Turm der Christenheit“ , er war nach seiner Fertigstellung mit einer Höhe von 116 m für 20 Jahre auch der höchste Turm der Christenheit. Erst der Kathedralturm von Salisbury in England übertraf ihn 1350 mit einer Höhe von 124 m . 
Berühmt wurde der Glockenstuhl, dieses Meisterstück mittelalterlicher Zimmer-
mannskunst, nicht nur seiner mächtigen Dimensionen, sondern auch der tech-
nischen und handwerklichen Ausarbeitung seiner Details wegen. Man schaue sich nur die Verblattungen der Grundschwellen an, die knaggenartige Verstärkung des Mittelständerfußes oder die feingeschnitzten Holznägel, welche den Knotenpunkten Zusammenhalt und gemeinsam mit den Versätzen, ihre Tragfähigkeit und der Gesamtkonstruktion ihre Stabilität verleihen. Diese einmalige Konstruktion, die in Europa ihresgleichen sucht, hat eine besonders sorgfältige Behandlung bei zukünftigen Restaurierungsarbeiten verdient.

Die Hosanna
„Hier endlich erscheint das Achteck in seiner völligen Ausbildung. Vier Fensterbogen, jeder in drei Abteilungen, erhellen den schönen Raum, die vier anderen Seiten sind geschlossen. Die Decke selbst ist ungewölbt, aber aus ihrem mittleren Schlußstein laufen nach den Fensterseiten auch weitgespannte freie Bogen herab, welche, um die gewaltige Steindecke desto kräftiger zu stutzen, wieder starke, in Spitzbogen neben einander gestellte, und an die Decke sich anschließende Balken auf ihren Rücken tragen. Jeder jener gurtartigen Bogen trägt drei solcher Spitzbogenstellungen in abweichender Höhe, wie sie die Sprengungen des Grundbogens nötig machte. 
In diesem trefflich ausgeführten Raume sind die Glocken in vier Reihen aufgehängt. In der dritten Reihe hängt die sogenannte große, und zugleich älteste Glocke,...“
Als die Hosanna am 18. Juli 1258 in der Zeit des Zähringer Grafen Konrad I. von Freiburg im oder vor dem Münster – vermutlich von einem Glockengießer aus dem Raum Basel – in der damals „hochmodernen" Übergangsform gegossen wurde, gab man ihr eine für diese Zeit moderne, noch heute aktuelle Inschrift mit auf den Weg:

Die Übersetzung dieser vor allem für die marianische Frömmigkeitsgeschichte bedeutenden Inschrift  lautet: „Im Jahre des Herrn 1258, den 18. Juli, wurde die Glocke gegossen. O König der Herrlichkeit, komme mit Frieden Erklingt mein frommes Geläut, hilf deinem Volke, Maria". 
Sie hat ein Gewicht von 3290 kg und einen Durchmesser von 1610 mm, für eine es' Glocke beeindruckende Dimensionen. War die Inschrift O REX GLORIE VENI CUM PACE schon allgemein und von zahlreichen Glocken bekannt, so war der Hinweis auf das Angelusläuten und Maria neu. Denn erst im Jahre 1262 schrieb der hl. Bonaventura seinen franziskanischen Ordensbrüdern das dreimalige Ave Maria beim Abendläuten vor. So ist in die Hosanna die Tradition des Friedensgeläutes und der neue Gedanke, der Anrufung Mariens im täglichen Gebet, untrennbar in Bronze eingegossen.
Bemerkenswert auch das außergewöhnlich gestaltete Holzjoch der Hosanna mit einer für diese Glocke überdimensionierten Höhe von 1,10m und den handwerklich schön geschmiedeten Aufhängebändern. Das Eichejoch trägt auf der Schmalseite – außer einfach gestalteten Ornamenten – die Jahreszahl 1604 und vermutlich die Initialen seines Stifters oder Fertigers.
Vor allem in Notzeiten hatte die Hosanna besondere Läuteaufgaben zu erfüllen.

Nach der ersten Eroberung von Freiburg durch die Schweden in den Jahren 1632, musste die  Hosanna mit 500 Reichstalern ausgelöst werden.
Um dieses gigantische Lösegeld aufzubringen, mussten die Gelder einiger Benefizien aufgebraucht und vor allem Messkelche eingeschmolzen werden . Wir können nur ahnen, welch tiefe Bedeutung und herausragende Stellung die Hosanna im Bewusstsein der Freiburger Bürgerschaft gehabt haben musste, dass man selbst Messkelche einschmolz um die Hosanna auszulösen! Auch in den Jahren 1672 bis 1678 zu Zeiten der französischen Besatzung lesen wir immer wieder von gigantischen Summen, die zur Auslösung der Glocken und vor allem der Hosanna zu zahlen waren.

Heute zählt die Hosanna des Freiburger Münsters zu den bedeutendsten Glocken des 13. Jahrhunderts in Europa. Sie ist eine der ältesten Angelusglocken Deutschlands und die herausragende Glocke des 13. Jahrhunderts in der damals modernen Übergangsform vom Zuckerhut zur gotischen Dreiklang Glocke.

Von dem hohen Münsterthurme
Tönt die Glocke weit hinaus,
Ruft mit tiefem, ernstem Klange
Gläubige zum Gotteshaus.

Tausende und abertausend
Lauschten ihrem vollen Ton,
Länger als sechshundert Jahre
Ruft die alte Glocke schon.

Ach – was hat sie schon erlebet
Dort auf ihrem luft´gen Sitz:
Feuersbrunst und Wassersfluthen,
Schwere Wetter, Sturm und Blitz.

Grimme Zwietracht der Parteien,
Aufruhr, Mord und wilden Streit,
Sieger sah sie – und Besiegte
In der langen, langen Zeit.

Und noch tönet ihre Zunge,
Die metallne, voll und Hehr,
Und noch ruft sie fromme Beter
Zum Liebfrauenmünster her.

Bring den Frieden, Himmelskönig!
Sagt ihr Spruch – o spräch er wahr,
Friede – Friede sei auf Erden
Auch in diesem neuen Jahr!

C. Geres.1883, 1. Jan. *

weiter zu den Schwestern der Hosanna (Hosanna Geschichte)

*Die Texte sind entnommen aus dem Buch “Die Hosanna und das Geläute des
Freiburger Münsters von Kurt Kramer