



Liebe Glockenliebhaber und Freunde des Glockenklangs,
Schwestern und Brüder in der Gemeinschaft des Glaubens!
Eine Legende erzählt, dass der bedeutende Kirchenlehrer Thomas von Aquin einst am Hofe von König Ludwig IX. gerade dabei war, die Lösung eines schwierige Problems aufzuschreiben, als vom Turm die Glocke ertönte und ihn zum Gebet rief. Thomas eilte zur Kapelle, ohne das Wort, das er begonnen hatte, zu Ende zu schreiben. Als er vom Gebet zurückkam, fand er das unvollendete Wort in goldenen Buchstaben zu Ende geschrieben vor.
Diese Legende macht uns neu bewusst, dass es im Leben neben der täglichen Arbeit, den vielfältigen Verpflichtungen und neben aller Geschäftigkeit Wichtigeres gibt. Glocken laden uns ein, inne zu halten und uns auf Gott zu besinnen; sie geben uns einen gesunden Rhythmus von Arbeit und Gebet, von Aktion und Kontemplation.
Das Anliegen des Thomas von Aquin, das Läuten und damit die Einladung zu den Gebetszeiten wahr- und ernst zu nehmen, scheint bis hierher nach Freiburg gedrungen zu sein. Denn um das Jahr 1258 entschloss sich die Münstergemeinde, eine neue Gebetsglocke, die Hosanna, gießen zu lassen. Damals waren im christlichen Abendland die Glocken längst mit den Gebetszeiten, der Liturgie ihrer Gottesdienste und dem Alltagsleben der Menschen eng verwoben. Ihr Rhythmus gab Orientierung im Alltag und ordnete die Zeiten.
Wie viele Menschen die Hosanna-Glocke in den vergangenen 750 Jahren erfreute, sie zum Gebet anregte, zum Gottesdienst einlud oder mahnte, auch Zeit und Gedanken für Gott zu finden, können wir nur ahnen.
Ihr Jubiläum will uns aber nicht nur Anlass sein, zurückzublicken, sondern auch
nach vorne zu schauen und mit ihr eine neue „Kultur des Gebetes“ einzuläuten.
„O Herr der Herrlichkeit komm zu uns mit deinem Frieden“ – so haben die Menschen vor 750 Jahren der Hosanna als Inschrift mit auf den Weg gegeben. Mögen diese Jubiläumstage uns ermutigen und bestärken, diese so wichtige Botschaft auch weiterhin an die „große Glocke zu hängen“ sowie uns selbst und immer mehr Menschen für diese Botschaft zu öffnen.
Ihr Erzbischof
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Weihbischof Dr. Paul Wehrle
Dompropst
