



Den geistigen Ursprung der Europäischen Glocke finden wir in den Ländern der Bibel. So lesen wir im 2. Buch Mose an zwei fast gleichlautenden Stellen: "Und sie machten an seinem Saum Granatäpfel aus blauem und rotem Purpur, Scharlach und gezwirnter feiner Leinwand und machten Glöckchen aus feinem Gold; die taten sie zwischen die Granatäpfel ringsherum am Saum des Obergewandes, je ein Granatapfel und ein Glöckchen ringsherum am Saum, für den Dienst, wie der HERR es Mose geboten hatte." An anderer Stelle im gleichen Buch ist zu lesen: "Und Aaron soll ihn anhaben, wenn er dient, daß man seinen Klang höre, wenn er hineingeht ins Heiligtum vor dem HERRN und wieder herauskommt. So wird er nicht sterben."
Nach der Geburt Jesu lesen wir zuerst beim Apostel Paulus von Glöckchen: "Wenn ich mit Menschenund mit Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz, eine klingende Schelle (Glöckchen)." Diese Zeilen von Paulus könnten heute geschrieben sein. Eine Glocke ohne Liebe und Wärme in ihrer Stimme, ohne christliche Botschaft in ihrem Ruf, verkommt zu tönendem, oft genug zu dröhnendem Erz.
Für die ersten christlichen Schriftsteller wie z.B. Justinus (100-165 n. Chr.) und Origines (185-254 n. Chr.) sind die 12 Glöckchen am Rocksaum des Hohenpriesters und die "neue Glocke" das unumstrittene akustische Symbol der Verkündigung der christlichen Botschaft. Und dies legt doch den Schluß nahe: Die philosophischen und geistigen Hintergründe des Glockenläutens, der Auftrag der Glocke wurde von christlichen Schriftstellern bereits vorgedacht, als Christen sich noch lange nicht öffentlich äußern konnten, als noch keine Glocke die bis ins vierte Jahrhundert n. Chr. verfolgten christlichen Gemeinden zusammenrufen durfte. Koptische Mönchsgemeinschaften Ägyptens haben wohl als erste die Glocke als Ruferin zum Gebet geläutet oder angeschlagen. Ein bis heute beliebter und verehrter koptischer Mönch war der heilige Antonius (+356). Sein Erkennungszeichen und Atribut ist die Glocke.
Zunächst dürfte die Glocke – zum Beginn des 5. Jahrhunderts n. Chr. – in Klostergemeinschaften Einzug gehalten haben. Unter ihnen war das berühmte Kloster Lerinum, auf einer kleinen Insel südlich von Cannes, im Jahre 395 vom hl. Honoratius gegründet, durch Beziehungen zu den koptischen Mönchsgemeinschaften Ägyptens und Galliens bekannt geworden. Die Insel Lerins war dann auch wichtiger Übergangspunkt der Glocke von Vorderasien, den Landschaften der Bibel, zu uns nach Europa.
Der Nachfolger von Papst Gregor dem Großen, Papst Sabinian (604-606), ordnete dann das Läuten einer Glocke auch außerhalb der Klostermauern zu den sieben in den Klostermauern längst üblichen Gebetszeiten an. Vom Klang der Glocke sollte die damals noch verstreute christliche Gemeinde zu gemeinsamem Gebet aufgerufen werden. Mit der Christianisierung durch IroSchottische Wandermönche wie die Hl. Columban, Gallus und Bonifatius, fand die Glocke dann Verbreitung in weiten Bereichen Europas. Kein geringerer als Karl der Große sorgte durch verschiedene Edikte für eine Siegeszug der Glocke durch seinen Herrschaftsbereich, durch Glockeneuropa, wie der Wiener Kunsthistoriker Friedrich Heer die abendländischen Völker in seinen Schriften nannte.
Welche Bedeutung die Glocke für Europa erlangte, zeigt ihre sehr unterschiedliche und äußerst vielfältige Verwendung läutete jeweils zu kirchlichen und weltlichen Anlässen die Bet-, Angelus-, Friedens-, Vaterunser-,
Tauf-, Toten-, Kreuz-, Evangelien-, Wandlungs-, Festtags-, Wetter-, Irr-, Pest-, Zins-, Rats-, Stadt-, Stadttor-,
Uhren-, Richt-, Mord-, Revolutionsund
viele weitere Glocken mit dem Namen des jeweiligen Anlasses. Zum Läuten für Gottesdienst und Gebet, aber auch zum Ordnen des städtischen Lebens bestimmt ließ sie, zur Kanone umgegossen und mißbraucht, ihre todbringende Stimme auf den Schlachtfeldern Europas "erklingen".
Und ausgerechnet Napoleon Bonaparte, der wie kein Anderer – vor und nach ihm – Glocken zu Kanonen umgießen ließ, war ein glühender Verehrer der Glocke. Auf seinen Feldzügen ließ der eine ganze Armee stillstehen, nur um einer Glocke, einem Geläute zu lauschen. Und noch aus Elba schrieb er an einen Freund, daß er sich mit der Verbannung abgefunden habe. Daß er aber keine Glocke hören könne, betrübe ihn sehr.
Die Zeiten, in denen Glocken verstummten, gleich in welcher Region der Welt, gleich in welchem Jahrhundert, waren immer auch schlechte Zeiten für die Menschen. Diktatoren und Revolutionäre brachten nicht nur die Glocke zum Verstummen. Das letzte und gravierendste Beispiel dafür liegt uns sehr nahe und hat unsere Gesellschaft nachhaltig verändert.
Sechzig Jahre war im östlichen Teil Deutschlands und in weiten Teilen Osteuropas der Atheismus "Die Staatsreligion". Und jeder dieser Staaten hatte das ausdrückliche Ziel: Die Vernichtung der christlichen Religion. Gleichzeitig wurde die Stimme der Glocke hörbar leiser, mancherorts war sie gänzlich verstummt, mit ihr die Menschen.
Und von den Nazis war der Mord an Juden, Sintis und Romas auch nur als Probelauf für diejenigen gedacht, denen man zunächst nur die Glocken – angeblich zu Kriegszwecken – wegnahm. Der wahre Grund für die Enteignung der Glocken war aber ein ganz anderer. Nach dem „Endsieg" sollten nach dem ausdrücklichen Willen der Nazis nur noch 12 Glocken in Deutschland läuten: Über dem Reichstag in Berlin. Und auch bei uns ging das Schweigen der Glocken mit dem Stummwerden der Menschen und dem Dröhnen der Kanonen Hand in Hand.
„Da scheint es doch weit sinnvoller, wir beschäftigen uns wieder mehr mit dem Sinn ihres Läutens und mit der Eindringlichkeit ihrer Botschaft, denn mit der angstvollen Ungewißheit ihres Schweigens" schreibt der Bischof von Erfurt, Dr. Joachim Wanke, im Rückblick auf die wechselvolle Geschichte der Glocke. Und in der Tat. Die Glocke wird, dessen bin ich sicher, zu einem wichtigen Testfall für unsere Kultur im Gesamten Europas werden. Denn wenn es der Ratio gelingen sollte, das "nutzlos Schöne" – wie der berühmte rheinische Kunsthistoriker Heinrich Lützeler einmal formulierte – aus unserem Alltag zu verbannen, dann werden wir auch endlich vom "widrigen Geklingel" – wie Goethe im Faust Mephisto fluchen läßt – der Glocken befreit sein.
Die Geschichte aber lehrt seit 5000 Jahren und dies ohne jede Ausnahme: Schweigen Glocken, sind Leben, Freiheit und Menschlichkeit unmittelbar bedroht. Schweigend beklagten sie dann auch den Verlust von Toleranz und Menschenwürde.


Der hl. Benedikt erhält von einem heiligen Mönch,
vermutlich vom hl. Antonius eine Glocke.


Glockenläuten im 12. Jahrhunder, Verherrlichung Christi,
Buchmalerei, Bayerische Staatsbibliothek München


Evangelist Lukas mit Glocken